Radfahrer auf Elektroautosuche

Das Thema Elektroauto ist auf diesem Blog etwas off-topic, aber ich bin ja kein Fundamentalist. Es gibt Situationen in denen ein Auto auch Vorteile hat. Und falls wir uns für ein neues Auto entscheiden sollten, wird es wohl elektrisch sein. Da heißt gut überlegen, denn für den Preis eines Autos, kann man zig gute Fahrräder kaufen

Das Fahrrad ist meiner Meinung nach in der allermeisten Fällen das beste Verkehrsmittel- zumindest in der Stadt. Die Vor- und Nachteile eines elektrischen Autos sollen hier nicht näher beleuchtet werden. Nur so viel: als Radfahrer stehe ich an der Ampel viel lieber hinter einem Elektroauto als hinter einem Dieselwagen. Und weil das so ist verfügt meine Familie neben einer Vielzahl von Fahrrädern auch über ein Auto. Dieses soll demnächst abgelöst werden und zwar durch einen elektrisch angetriebenen PKW.

Anforderungen

Es gibt mittlerweile ein wachsendes Angebot an mehr oder weniger verfügbaren Elektroautos. Die Entscheidung fällt nicht leicht. Da hilft nur Probefahrten. Das habe ich heute gemacht und zwar mit einem Hyundai Ionic Electric. Die Details des Fahrzeugs und seine Fahrleistungen sind hinlänglich dokumentiert und auch auf YouTube zu besichtigen. Ich konzentriere mich hier eher auf das worauf es für mich ankommt:

  • bequemes Sitzen und Ein- und Aussteigen
  • Platz für vier, auch im Urlaub
  • Kofferraum für die Einkäufe
  • ausreichende Leistung auch für die Autobahn (130km/h sind für mich ausreichend)
  • unkompliziertes und schnelles Laden
  • einfaches Handling
  • Reisetauglichkeit

Die Probefahrt

Das Fahrzeug wurde mir freundlicherweise von einem Dortmunder Händler zur Verfügung gestellt. Wer aber annimmt, man würde bei der Auswahl eines Elektrofahrzeugs vom Vertragshändler sinnvoll beraten, der irrt. Ich habe mittlerweile Elektroautos von Kia, Nissan, Hyundai, BWM und VW besichtigt und habe überall ähnliche Erfahrungen gemacht. Entweder die Verkäufer machen keinen Hehl daraus, Elektroautos nicht verkaufen zu wollen (Nissan in Dortmund) oder sie sind vollständig planlos (Hyundai und VW). Wenn es über die Frage nach “wo ist bei dem Auto hinten und vorne” hinaus geht, herrscht vorwiegend Ahnungslosigkeit. Man muss sich also selbst informieren.

Heute morgen durfte ich mir also den Ionic abholen. Die Übergabe dauerte nur wenige Minuten. Leider mussten wir dabei feststellen, dass der Wagen nicht aufgeladen war und nur eine Reichweite von 53km hatte. Glücklicherweise überließ man mir den Wagen für den ganzen Tag und ich überließ mich dem Abenteuer, direkt eine Lademöglichkeit für das Fahrzeug zu suchen. Der Verkäufer teilte mir mit, das erforderliche Schnellladekabel sei an Bord. Wo man in Dortmund schnell laden kann, wusste er auch nicht. Das Navigationsgerät im Hyundai besitzt zwar die Suche nach Ladestationen, zeigt dann aber keine an.

Fündig wurde ich bei der Firma Innogy, die sowohl Ladesäulen als die die dafür notwendige App bereitstellen. Damit fand ich in meiner Nähe eine 22kw-Ladestation. Nach etwas Gewiggel war ich auch in der App registriert und ladebereit. Die Ionic lässt sich an entsprechender Säule mit bis zu 70kw aufladen. Das ging hier leider nicht. War für den Test ja auch nicht so wichtig. Ich brauchte ja nur ein paar zusätzliche Kilometer. Ich steckte also das Ladekabel ein, und wählte in der App den maximalen Ladestrom von 32A. Dann tat sich nichts. Der für 30 Minuten fällige Betrag von 3,34€ wurde abgebucht, aber es lud nicht. Dann das Prozedere, dass vielen Elektroautobesitzern bekannt ist: Stecker raus/rein, Anruf bei Innogy, Weiterleitung, nochmal Weiterleitung, Ladestation neu gestartet, geht immer noch nicht.

Nach einiger Recherche wurde mir klar woran es lag. Das von Hyundai beigelegte “Schnelladekabel” war ein Typ-2-Kabel und die Säule eine Typ-2-Säule. Der Inonic kann mit einem Typ-2-Kabel mit maximal 7,2kw laden. Für eine Ladung mit 22KW oder mehr wird ein CCS-Kabel und eine entsprechende Säule benötigt. Ich habe dann mit verringerter Leistung und einem Ladestrom von 16A geladen. Innerhalb von 30 Minuten sind dabei 6km zusätzliche Reichweite heraus gekommen. Das ist schön, wenn man beim Einkaufen sein Auto parkt und bei der Gelegenheit etwas aufladen kann. Wenn man aber unterwegs darauf angewiesen ist, dass man tanken kann, hilft diese Ladeleistung gar nicht.

Laden an einer Innogy-Ladesäule in Dortmund

Hinter mir stand ein Leaf. Vielleicht hat es bei ihm besser geklappt, habe die Fahrerin/den Fahrer leider nicht getroffen, aber gelesen, dass der Leaf an einer Typ-2-Säule mit 22kw laden kann. Am Ende des Ladevorgangs sah ich im Display des Hyundai die Nachricht “Fehler Schnell-Ladegrät!”. Welcher Fehler das war und was ich tun kann, wurde mir nicht mitgeteilt.

Nun hatte ich etwas Reichweite, um das Auto zu testen. Als erstes bin ich mal einkaufen gefahren. Der Kofferraum ist nicht schlecht, ich bin von meinem Ford C-Max aber deutlich mehr gewohnt. Beim Rangieren auf dem Parkplatz lernt man die Vorteile der Rückfahrkamera zu schätzen, da das Fahrzeug ansonsten nach hinten raus völlig unübersichtlich ist. Einkaufen geht aber ganz gut. Allerdings müssen die Ladekabel aus dem Kofferaum und die fliegen dann auf der Rückbank herum.

Mit dem Ionic zum Getränkemarkt

In der Stadt fährt der Wagen sehr gut. Ich bin durchgängig im Eco-Modus gefahren und hatte immer ausreichende Leistung. Ich würde mir aber etwas mehr Rekupration wünschen. Selbst in der stärksten Stufe kommt das Auto nicht von alleine zum Stehen - man muss noch bremsen. Das können BMW und Nissan besser. Dort kann man das Fahrzeug in der Regel nur mit dem Gaspedal bewegen und benötigt die Bremse nur im Notfall.

Auf der Autobahn kommt man im Eco-Modus ebenfalls gut zurecht. Im Sport-Modus lässt man alle anderen stehen, wenn man denn Spaß daran hat. Dann verbraucht man viel Energie, aber das ist bei Verbrennern ja auch nicht anders. Leider ließ sich die Information, dass die Akku bald leer ist nicht wegdrücken. So dass man nicht mit dem eingebauten Navi zur nächsten Ladestation navigieren könnte (wenn es denn überhaupt ginge).

Akkustandsmeldung blockiert das Display und lässt sich nicht wegklicken

Fazit

Am Nachmittag brachte ich den Wagen zurück. Nachdem ich mal wieder einige Kilometer Elektroauto gefahren bin, frage ich mich was an Autos mit Verbrennungsmotor so gut sein soll. Das Elektroauto fährt ruhig, gleichmäßig, leistungsstark, zuverlässig, wartungsarm sowie ohne lokale Emissionen und wenn man es richtig macht auch ohne globale Emissionen (für den Fahrbetrieb). Viel besser als Elektroauto zu fahren, ist es natürlich gar nicht Auto zu fahren. Das werde ich in weiten Teilen meiner Mobilität auch weiterhin so handhaben.

Die Autohändler haben noch einiges zu verbessern. Sie sind kaum auf die neuen Umstände eingestellt, die Elektromobilität mit sich bringt. Für die Energieversorger gibt es auch noch einiges zu tun. Erfreulicherweise hat Innogy mittlerweile ein Vielzahl an Ladesäulen installiert. Leider sind die meisten in der Leistung auf 22KW begrenzt. Die Kommunikation zwischen Auto, Ladesäulen und App kann auch noch deutlich optimiert werden. Die App sollte den aktuellen Ladezustand des Fahrzeugs anzeigen und über die mögliche Ladeleistung (für die aktuelle Fahrzeug-Ladesäulen-Kombination) informieren. Die zeitbasierte Abrechnung ist ziemlich old school. Besser wäre eine Abrechnung nach verbrauchter Energie.

Für den Ionic habe ich gemischte Gefühle entwickelt. Mich stört das Armaturenbrett: zu viele Schalter, zu viele Displays, zu viel Ablenkung. Außerdem ist das Display und die Menüführung unstrukturiert und grafisch unausgeglichen. Der Kofferraum ist mir zu klein. Das Auto könnte höher und dafür kürzer sein. Dann säße man besser und könnte leichter ein- und aussteigen. In der getesteten Ausstattungsvariante fehlen mir die Sitzheizung (um Heizenergie zu sparen) und die anklappbaren Aussenspiegel. Letztere liebe ich als Radfahrer, weil man daran erkennen kann ob ein abgestelltes Auto bemannt ist oder nicht und ob man mit spontaner Türöffnung oder plötzlichem Losfahren rechnen muss.

Der Hyundai Ionic electric ist für mich nicht das richtige Auto. Das liegt aber nicht daran, dass er elektrisch fährt. Nach dieser Probefahrt steht für mich noch immer fest: das nächste Auto soll ein Elektroauto sein.